Leseprobe
Seite 239
Der Kommandant schaut genauer hin: „Tatsächlich … dann sollten wir doch mal nachsehen.“ Kaum gesagt, befiehlt Leutnant Lange auch schon eine Kursänderung auf 1-8-0, also genau nach Süden, um dem Gaffelschoner den Weg nach Travemünde abzuschneiden. Schnell bewegen sich die beiden Schiffe mit konvergierenden Kursen aufeinander zu. Als sich der Abstand auf nur noch drei Kabellängen verringert hat, erkennt man anscheinend auf dem Gaffelschoner, dass man es nicht mehr bis Travemünde schafft. Das schnittige Schiff dreht in den Wind und stoppt langsam auf. „Hab ich euch!“, ruft Lange erfreut. „Petersen, nehmen sie sechs Mann mit Pistole und Entersäbel und rudern sie rüber! Will doch mal sehen, warum die es auf einmal so eilig hatten!“
Bevor Klaus seine Befehle erteilen kann, hat Knut, der sich bei Gefahr meist unauffällig in der Nähe von Klaus aufhält, bereits fünf Matrosen zugenickt, die sofort unter Deck rennen, Pistolen und Säbel aus der Waffenlast zu empfangen. Lange lässt die VON DER TANN in den Wind drehen, wo das Boot geschickt in Luv des Schoners zum Stehen kommt, so dass das Segelschiff unter Lübecker Flagge nicht mehr flüchten kann. Klaus ist mittlerweile zum Heck des Kanonenboots gegangen, wo das Beiboot achtern bereits im Wasser liegt. Knut und die fünf Matrosen springen bewaffnet hinein, Klaus als Letzter; sein junger Schiffskamerad hat ihm eine Pistole und seinen Säbel mitgebracht. Knut nimmt die Pinne, vier Matrosen setzen sich auf die Duchten, der Fünfte bleibt im Bug stehen. Kaum haben sie sich von der Bordwand abgestoßen, beginnen die vier Matrosen kräftig zu pullen. Die Ruderer legen sich ordentlich ins Zeug, schnell kommt der Schoner näher. Als sie nur noch eine halbe Kabellänge entfernt sind, bemerkt Klaus Aufregung auf dem Segelschiff; ein Mann auf dem Oberdeck diskutiert heftig mit den Umstehenden, zieht sich schließlich den Mantel aus, geht auf die Backbordseite … und springt ins Wasser! Mit kräftigen Schwimmzügen krault er Richtung Strand.
Was hat das zu bedeuten, fragt sich Klaus. Soll ich den Mann verfolgen? Nein, der Kommandant hat befohlen, den Schoner zu entern. „Vorne klar bei Bootshaken. Männer, Pistolen laden und Säbel bereithalten!“ Aufmerksam beobachtet Klaus, ob sich die Männer drüben an Bord feindlich verhalten. Aber dort stehen die Seeleute nur teilnahmslos herum. Kurz vor der Bordwand befiehlt Klaus „Halt Wasser“ und etwas später „Riemen ein“. Mit einer eleganten Kurve legt das Beiboot längsseits an. Der Bugmann pickt den Bootshaken ein. Klaus ist hoch angespannt, aufgeregt: „Vier Mann mir nach!“, Klaus springt als erster aufs Deck des Schoners, die Pistole im Anschlag, beinahe wäre er über den angehängten Säbel gestolpert. Als Knut und drei Matrosen neben ihm stehen, und keiner der Besatzung des Schoners irgendwelche feindlichen Anstalten macht, beruhigen sich seine Nerven.
„Wer ist der Kapitän?“, fragt Klaus schnell. Keiner meldet sich! „Kapitän?“, wiederholt Klaus langsam und hebt drohend seine Pistole. Ein Mann in der Nähe des Steuerrads bewegt sich: „Kaptajn weg!“
Klaus fixiert den Seemann: „Ist euer Kapitän der Mann, der gerade eben über Bord gesprungen ist?“ Schnell blickt Klaus Richtung Land, wo der Unbekannte gerade den Strand erreicht hat. „Warum ist er abgehauen?“ Der Seemann schaut ihn nur an. Da hat Klaus eine Eingebung: „Taler du tysk?“ … woraufhin der Seemann jetzt freundlich nickt! „Donnerwetter, das sind Dänen!“, ruft Knut neben ihm.
Klaus ist überrascht, fängt sich aber schnell. Klar, sie haben gehofft, dass wir den Schoner unter Lübecker Flagge ziehen lassen. Aber als wir ihnen den Weg ins neutrale Lübeck verlegten, haben sie aufgegeben und der feige Kapitän ist stiften gegangen. „Knut, treib die Dänen am Fockmast zusammen und pass gut auf. Unser Beiboot achtern festmachen, und alle Mann an Bord! Dann sicherheitshalber das Schiff nach versteckten Dänen durchsuchen!“
Klaus selbst geht schnell nach achtern in die kleine Kapitänskajüte. Auf den ersten Blick nichts Verdächtiges zu erkennen. Dann schaut er in den Laderaum des kleinen Schiffs; der ist voll mit Fellen. Mittlerweile ist die VON DER TANN in Rufweite herangedriftet. Der Kommandant ruft ungeduldig herüber: „Petersen, was ist los? Alles in Ordnung?“
Klaus geht schnell an die Reling und formt mit seinen Händen einen Trichter: „Herr Leutnant, Schoner ist in unserer Hand … es ist ein Däne, aber nur ein Handelsschiff!“
Keine Antwort; eine Minute vergeht. „Herr Leutnant, was sollen wir machen?“
„Fähnrich Petersen, sie übernehmen das Kommando über den Schoner und folgen uns! Ich werde versuchen, unsere Prise nach Neustadt zu bringen!“
Sein erstes Kommando! Klaus ist stolz; wenn sein Vater ihn jetzt sehen könnte! Jetzt bloß nichts falsch machen … und plötzlich wird dem jungen Fähnrich auch die Verantwortung bewusst! Mit nur sechs Mann den dänischen Schoner nach Neustadt bringen und nicht vergessen, die dänische Besatzung zu bewachen. Er strafft sich: „Knut bring die Dänen runter in den Laderaum und versperr die Luke!“ Schnell schaut Klaus zu den Segeln des Schoners, die jetzt im Wind schlagen. Die VON DER TANN ist bereits wieder unter Segeln. Er hat aber nur sechs Mann, um den Schoner zu manövrieren. Wie teile ich mein geringes Personal am geschicktesten ein? Klaus entscheidet sich schnell: „Drei Mann nach vorn! Holt die Segel am Fockmast herunter; wir werden nur mit dem Klüver und dem Großsegel arbeiten! Zwei Mann zum Großmast!“ Willig rennen seine Männer auf ihre Stationen. Am Fockmast wird das Schonersegel geborgen; danach Innen- und Außenklüver gesetzt. Knut – inzwischen zurück – steht mit zwei Matrosen am Großmast bereit. Der Schoner reagiert auf den Wind und fällt leicht ab. Der Fähnrich nimmt das Steuerrad und befiehlt: „Schoten an Backbord dichtholen!“ Langsam nimmt der dänische Schoner Fahrt auf, so dass es Klaus gelingt, im Kielwasser hinter dem schleswig-holsteinischen Kanonenboot her zu steuern.
Sie haben schon einige Seemeilen Richtung Travemünde zurückgelegt, als er auf dem Achterdeck der VON DER TANN plötzlich Hektik erkennt. Lange und von Wickede schauen durch ihre Monokulare nach Steuerbord voraus. Auch Klaus fixiert nun den Horizont in dieser Richtung … und erkennt eine Rauchsäule über einem Schiff … ein Dampfschiff … verdammt, das kann nur ein Däne sein. Klaus denkt schnell nach und kombiniert: Steuerbord voraus bedeutet, das dänische Kriegsschiff will uns den Weg nach Neustadt abschneiden! Wenn es zum Kampf kommt, kann Klaus sich nicht wehren, der Schoner hat keine Kanonen, seine paar Männer nur Pistolen und Säbel. Bei einem Enterangriff der Dänen hätten sie keine Chance; vermutlich würden sie einfach niedergemetzelt werden. Sein Blick geht zurück zu seinem Kanonenboot voraus. Lange steht dort an der achteren Reling und nimmt gerade sein Sprachrohr an den Mund: „Petersen, die HEKLA, ein dänischer Raddampfer mit 60- und 24-Pfündern verlegt unseren Rückweg. Außerdem hat sie einen Dreimaster im Schlepp. Wir versuchen unsere Prise zunächst in Travemünde in Sicherheit zu bringen. Gehen sie auf Südkurs Richtung Travemünde Reede. Dort ankern sie und warten auf meine weiteren Befehle! Ich bleibe hinter ihnen und decke sie!“
Klaus befiehlt, die Schoten aufzufieren, die Gaffeln schwingen herum und der Schoner reagiert sofort. Ein schönes Schiff, ein guter Segler, denkt Klaus. Mit dem guten Wind ist Travemünde Reede bald erreicht. Als Klaus erkennt, dass die VON DER TANN in den Wind dreht, erteilt auch er schnell seine Befehle: „Klar machen zum Ankern! Zwei Mann zum Fockmast, zwei Mann zum Ankerspill! Auf mein Kommando Schoten loswerfen!“ Als die Matrosen klar zeigen, legt Klaus das Ruder hart Steuerbord. „Los die Schoten!“ Der Schoner dreht elegant in den Wind und wird rasch langsamer. Als das Segelschiff keine Fahrt mehr voraus macht, befiehlt Klaus „Lass fallen Anker“! Hoffentlich hält der Anker, denkt Klaus, denn jetzt befinden sie sich im innersten Teil der Lübecker Bucht, wenig Manövrierraum. Der Schoner treibt nun langsam achteraus … aber schließlich kommt das Ankertau steif! Der Anker hält … eine große Last fällt vom jungen Fähnrich ab.
